Stress beim Pferd - Wie Dauerstress Dein Pferd krank machen kann

Aktualisiert: März 1


Wieviel Stress hat Dein Pferd? © ccestep8/stock.adobe.com

Stress beim Pferd hat viele Gesichter. Das fängt schon damit an, wenn der Besitzer von der Arbeit gestresst in den Stall kommt, um schnell noch etwas mit dem Pferd zu machen. Aber auch eingeschränkter Zugang zu Raufutter oder gar Hunger und andere Fütterungsfehler bringen den Pferdekörper unter Stress. Dann gibt es den Stress in der Haltung wie z. B. in der Box mit dem Nachbarn und in der Herde und den Stress im Umgang mit dem Menschen - sei es beim Training, von der Ausrüstung oder einfach nur vom nicht pferdegerechten Umgang her.


In diesem Artikel beleuchte ich insbesondere die Stressfaktoren Fütterung und Haltung beim Pferd , erzähle Dir von meinen eigenen Erfahrungen und mache das Thema "Wie Stress Dein Pferd krank machen kann" für Dich als Pferdebesitzerin hoffentlich verständlicher!

Was genau ist Stress überhaupt? Wie wird Stress ausgelöst?


Stress beim Pferd und Mensch ist kein neuzeitliches Phänomen, denn Stress gibt es schon immer und er gehört zum Leben dazu. Er wurde aber erst in den 40er Jahren medizinisch beim Menschen erwähnt und erste Studien belegten, dass längerfristige körperliche und seelische Belastungen krank machen können.


Kurz gesagt, ist Stress die natürliche Antwort des Körpers auf eine potentiell lebensgefährliche Situation.

Lebensgefährlich ist für Pferde anders definiert, als für den Menschen. Wenn Du jetzt denkst, dass es keine solchen Situationen in unserer modernen Pferdehaltung gibt, dann denke bitte daran, dass die Instinkte unserer Pferde noch genauso wie die ihrer wild lebenden Vorfahren funktionieren .


Diese Instinkte sind in der DNA festgelegt, d. h. auch unsere domestizierten Pferde reagieren instinktiv mit Flucht bei lauten ungewohnten Geräuschen oder Lichtern, schnellen Bewegungen, unbekannten Objekten oder unbekannter Umgebung, Trennung von der sonst so sicheren Herde oder auch nur Unruhe in der Herde. Lebensgefährlich ist auch, wenn das Pferd nicht genügend Raufutter erhält oder keinen freien Zugang zu Wasser hat. Das löst ebenso den Stress-Mechanismus im Pferd aus.


Stress-Mechanismus beim Pferd


Der Stress-Mechanismus ist beim Pferd der gleiche wie beim Menschen. Stell Dir vor, Dein Pferd wird plötzlich von seiner Herde getrennt. In der Wildbahn sichert diese Herde sein Überleben. Wenn wir es dramatisieren, dann bedeutet dies für das Pferd, ob dies der Tag ist, an dem es stirbt oder nicht.


Dies ist enormer Stress für Dein Pferd und es werden Hormone u. a. Adrenalin und Kortisol ausgeschüttet, welche das körpereigene Alarm-System in Gang setzen und ihn auf eine Flucht- oder Kampfreaktion vorbereiten - und zwar den ganzen Körper.


Die Atmung wird schnell und flach, da die Bronchien geweitet werden, um mehr Sauerstoff aufnehmen zu können. Das Herz schlägt schneller und stärker, die Leber stellt zusätzliches Blut zur Verfügung, die Muskeln werden besser durchblutet und sind leistungsfähiger. Der Blutzucker-Spiegel steigt, das Verdauungssystem wird verlangsamt und die Schmerzempfindlichkeit nimmt ab.


Der ganze Pferdekörper ist quasi auf Alarm gestellt und parat zum weg galoppieren.

Das alles wird vom vegetativen Nervensystem gesteuert - und zwar vom Sympathikus und Parasympathikus. Der Sympathikus bereitet den Körper auf die Flucht und auf gesteigerte Aktivität vor. Im Gegenzug ist der Parasympathikus für die Entspannung und Regeneration zuständig. Je nach Situation, entscheidet der Pferdekörper, wie er reagieren muss. D. h. in lebensbedrohlichen Situationen agiert der Sympathikus und sobald die Gefahr vorbei ist, schaltet der Parasympathikus den Organismus auf Ruhe.


Dauerstress vs. kurzfristiger Stress - welchen Stress können Pferde vertragen?


Die logische Schlussfolgerung ist, dass der Pferdekörper auf kurzfristigen Stress ausgelegt ist - z. B. Raubtier greift an, Pferd auf Alarm gestellt, galoppiert mit der Herde weg, Raubtier kann nicht folgen - die Gefahr ist vorüber und das Pferd und seine Herde beruhigen sich und fangen wieder an zu fressen. So wäre es in der Wildbahn.


Der Mechanismus des Flüchtens ist nicht nur dazu geeignet, um sich von Gefahren zu entfernen, sondern er hilft dem Pferd auch, schon während des Flüchtens Stress abzubauen. Denn Bewegung hilft beim Stressabbau.


Pferde sind von Natur darauf ausgerichtet, kurzfristigen Stress zu vertragen. Das ist überlebenswichtig für sie.

Es ist heutzutage leider jedoch oft so, dass - durch Fütterung, Haltung und Umgang mit dem Menschen, Training und Reiten - unsere Pferde ständig, also je nachdem bis zu 24 Std. am Tag/365 Tage im Jahr für sie lebensgefährlichen Situationen ausgesetzt sind - also Dauerstress. Das muss man mal setzen lassen.



Was bedeutet Dauerstress für Dein Pferd?


Vielleicht denkst Du jetzt, aber mein Pferd doch nicht! Der ist doch immer ganz brav und macht alles mit. Neben dem kann eine Bombe platzen und der macht keinen Wank.


Ja, wir können unsere Pferde an ganz viele Situationen gewöhnen, so dass sie für sie keine Gefahr und keinen Stress mehr bedeuten. Und nicht jedes Pferd reagiert körperlich und psychisch gleich auf potentielle Stresssituationen -während zum Beispiel ein gemütlicher Freiberger viele Veränderungen in seiner Umgebung und auch grössere Unruhe tolerieren kann und ein stabiles Nervenkostüm besitzt, reagiert vielleicht der nervöse Ex-Galopper mit extremer Unruhe, Durchfall oder macht gar eine Kolik.


ABER - unsere Pferde sind Meister darin, uns Menschen nicht immer merken zu lassen, wie es ihnen wirklich geht; und so sind wir uns des grossen Stresses, dem wir unsere Pferde aussetzen, vielfach nicht bewusst.


Denn der Körper kann komplett auf Alarm und Fluchtbereitschaft gestellt sein, aber das Pferd ist z. B. in seiner Box und hat keine Möglichkeit zu flüchten. Somit kann der Stress nicht durch Bewegung abgebaut werden und die Spannung im Körper erhöht sich enorm.


Das kann wiederum zu muskulären Verspannungen und damit zu Schmerzen führen.

Auf das Thema Schmerz und Stress gehe ich weiter unten noch näher ein.


Unbewusst stellen wir unsere Pferde also oft unter Dauerstress und bringen somit auf lange Sicht das Zusammenspiel der Flucht- und Entspannungshormone aus dem Gleichgewicht. Und dass das Auswirkungen auf den allgemeinen Gesundheitszustand Deines Pferdes hat, versteht sich von selber. Welche genauen krankhaften Auswirkungen dies haben haben kann, findest Du weiter unten aufgezählt.


Stressfaktor Pferdehaltung


In der Schweiz verbrachten laut einer Umfrage vom Nationalgestüt 2017 über die Hälfte der Pferde - nämlich 54%- ihr Leben in der Box. Davon hatten zumindest 29% eine Auslauf- oder Terrassenbox (@Agroscope2018).


Pferde in der Box


Nachdem was ich oben über Stressabbau durch Bewegung und natürlichen Fluchtinstinkt geschrieben habe und wir alle wissen, dass Pferde Bewegungstiere sind, kann man sich vorstellen, was es für ein Pferd bedeutet, in einer Box zu stehen - und dass oft mit nur ein bis zwei Stunden pro Tag freier Bewegung auf einem Paddock oder einer Weide. Laut der Umfrage des Nationalgestüts haben sogar 22% der Pferde in Boxen in der Schweiz KEINEN täglichen Auslauf - also fast ein Viertel aller Pferde, die in Boxen leben, leben dort 24 Stunden am Tag!


Das Pferd hat so keine Möglichkeit, seine natürlichen Instinkte auszuleben. Je nach Pferdetyp reagiert es unterschiedlich - zum Beispiel mit Schwierigkeiten beim Reiten oder im Umgang oder muskulären Verspannungen, Sehnenproblemen oder mit Magengeschwüren, Verdauungsproblemen oder gar Koliken. Andere wiederum ergeben sich ihrem Schicksal und man sieht ihnen äusserlich nichts an - der innerliche Stress und Druck ist aber gross.


Verspannte Muskeln und Magengeschwüre sind direkt auf Dauerstress zurück zu führen.

Stressige Boxen-Nachbarn


Zusätzlichen Stress können auch unpassende Nachbarn bereiten. Jedes Pferd hat seine eigene Individualdistanz - das bedeutet, die Entfernung, die es von anderen Pferden ohne Ausweich- oder Angriffsreaktion duldet.


Diese Individualdistanz ist bei jedem Pferd je nachdem grösser oder kleiner. Sie kann sich in bestimmten sozialen Situationen, wie gemeinsames Schlafen, stark verringern - geht danach aber wieder auf das für das Pferd angenehme Mass zurück.


Manche Pferde mögen viel Nähe, andere benötigen viel Platz.

Muss Dein Pferd nun den ganzen Tag neben einem Boxennachbarn stehen, den es nicht "riechen" mag und das noch relativ nah, dann führt auch dies zu Stress beim Pferd. Denn am liebsten würde es ihm signalisieren: "Geh mal was weiter weg von mir!" oder sich selber gerne entfernen - kann es aber nicht.



Stress gibt es auch im Offenstall


Artgerechte Pferdehaltung ist immer weiter auf dem Vormarsch. Aktiv-, Lauf- und Offenställe oder gar Paddock Trails und Paddock Paradise Stallkonzepte findet man immer häufiger. Laut o.g. Studie standen 46% aller Pferde in der Schweiz 2017 in einer Form von Gruppenhaltung (@Agroscope2018).


Aber auch in der Gruppenhaltung haben viele Pferde Stress.


Selbst wenn man sich vielleicht von einem ungeliebten Kollegen entfernen kann, spielt eine harmonische Zusammensetzung der Herde eine wichtige Rolle fürs Wohlbefinden und Ruheverhalten des Pferdes.

Funktioniert die Herde nicht, dann werden Fressverhalten und Schlafverhalten massiv beeinflusst. Manche Pferde kommen nicht ans Futter oder finden keinen ruhigen Platz zum Schlafen. Andere sind den ganzen Tag damit beschäftigt, Futterstellen zu verteidigen oder Wallache ihre Stuten zu bewachen. Und das ist Stress.


Ist im Stall und Auslauf nicht genügend Platz für die Anzahl der Pferde - und da rede ich nicht von den vom Tierschutz vorgeschriebenen m2, die sind eh zu wenig - dann können auch hier die nötigen Individualdistanzen nicht eingehalten werden. Es gibt keine oder nicht genügend Flucht- und Rückzugsmöglichkeiten, eventuell sogar noch Sackgassen und so kommen in der Gruppenhaltung viele Pferde nicht zur Ruhe und stehen unter Dauerstress.


In unserem Stall nach Paddock Trail Prinzip habe ich über die Jahre beobachtet, dass die Zusammensetzung der Herde einen massiven Einfluss auf das Verhalten der einzelnen Pferde hat.

Wir haben momentan seit ca. 1.5 Jahren eine stabile Herde von 9 Pferden mit zwei Wallachen und sieben Stuten im Alter von 5 bis 26 Jahren. Die Pferde ähneln sich schon äusserlich - alle ungefähr vom gleichen Stockmass zwischen 150 und 160 cm und farblich einheitlich von dunkelbraun bis Fuchs und eine gescheckte Stute. Dazu kommt, dass es nur Rassen sind, die ungefähr die gleichen Bedürfnisse haben: Freiberger, Paint und Quarter Horses und eine Kalt-/Vollblutmix Stute - die passt von ihren Bedürfnissen und ihrem Verhalten her sehr gut zu den anderen.


Wir hatten schon immer relative Ruhe und gutes Sozialverhalten auch in anderen Zusammensetzungen in unserem Stall - aber in der oben beschriebenen Konstellation ist es nochmal entspannter. Anders kann ich es nicht beschreiben. Besucher haben schon gefragt: "Ist es immer so ruhig bei Euch im Stall?"



Stallwechsel ist für Pferde nicht einfach


Die Stabilität der Herde ohne grossen Pferdewechsel spielt ebenso eine grosse Rolle und dies wird oft ausser Acht gelassen.


Ein ständiges Kommen und Gehen von Pferden bedeutet psychischen Stress für alle.

Hat man dann gerade mal einen Kumpel oder eine Freundin gefunden und alles hat sich eingespielt, kommt schon wieder jemand neues hinzu, der alles aufmischt. Übrigens sagt man, dass ein Pferd im Durchschnitt ca. 1 Jahr braucht, bis es sich im neuen Stall wirklich zu Hause fühlt. Manche auch länger.


Oder der Freund verlässt plötzlich die Herde, um in einen anderen Stall zu wechseln. Der Weggang eines Freundes oder einer Freundin ist hart für die "verlassenen" Pferdekumpels. Die Trauer kann hier Tage, Wochen oder manchmal Monate anhalten. Das hab ich selber schon bei meinen Stuten erlebt und es hat mir fast das Herz gebrochen.


Stress in der Pferdefütterung


Das ein Pferd keine Fresspausen von länger als 4 Stunden haben sollte, weiss mittlerweile jeder. Umgesetzt wird es jedoch nicht überall. Hier greife ich nochmals auf die Umfrage des Nationalgestüts (@Agroscope 2018) aus 2017 zurück:


23% der Pferde in Einzelhaltung und 30% derjenigen in Gruppenhaltung erfahren nie eine Fresspause von mehr als 5 Stunden, wohingegen 17% der Pferde in Einzelhaltung und 12% in Gruppenhaltung 6 und mehr Stunden keinen Zugang zu Heu oder Gras haben.

Sage und schreibe 29% der Pferde in der Schweiz haben Fresspausen von 6 Stunden und mehr! Das ist fast ein Drittel.


Kein Fressen bedeutet Lebensgefahr


Ich hatte es oben schon gesagt, wenn ein Pferd nichts zu fressen hat oder findet, dann bedeutet das für das Pferd Lebensgefahr und somit Stress - denn wie mittlerweile auch jeder weiss, sind Pferde auf die ständige Aufnahme von kleinen Mengen an Raufutter angepasst.


Nochmal zur Verdeutlichung - die Studien sind ganz klar: Pferde ernähren sich nicht in Mahlzeiten, sondern ernähren sich von kleinen Mengen, die kontinuierlich den ganzen Tag über aufgenommen werden. Der ganze Körper, die Organe und der Stoffwechsel sind auf diese Nahrungsaufnahme ausgelegt.


Es gibt mittlerweile auch Studien, die zeigen, dass eingeschränkter Zugang zu Raufutter zu psychischem und körperlichem Stress führt.

Schmerzen und Stress beim Fressen


Die normale Fressposition eines Pferdes ist in Schrittstellung mit dem Maul am Boden - dann funktioniert das Gebiss, das Schlucken und die Verdauung optimal. Frisst das Pferd nun zum Beispiel ständig aus hoch aufgehängten Raufen oder Netzen, dann entstehen Muskelschmerzen und Verdauungsprobleme, die Schmerzen bereiten können. Und wie oben geschrieben, lösen Schmerzen Stress aus.


Aber auch Slowfeeder Systeme können Stress auslösen.

Eine kleine Aufzählung, was mir dazu einfällt:


  • Heunetze, die so aufgehängt sind, dass sie ständig hin- und herschwingen und das Pferd ständig stubsen muss und versucht, es in eine fixe Position zu bringen, um einen Halm zu erwischen.

  • Maschen oder ähnliches, die so eng sind, dass das Pferd fast gar nichts heraus bekommt - die Maschenweite sollte dem Pferdetyp angepasst sein.

  • Heuautomaten, die so eingestellt sind, dass manche Pferde gerade mal ein paar Minuten fressen können und so nicht ihrem individuellen Bedürfnis nach Menge und Fresszeit nachkommen können. Breitrumpfige Pferde fressen zum Beispiel meist länger und mehr, da sie mehr Masse brauchen, um ihren Darm zu füllen - denn nur dann sind sie satt. Im Gegenzug fressen schmalrumpfige Pferde meistens weniger und kürzer.



Sollte Heu fressen wirklich schwierig sein?


Wieviel Stress bedeuten eigentlich Heunetze fürs Pferd? Dies ist jetzt kein Plädoyer gegen Heunetze. Ich möchte Dir hier nur von meinen Beobachtungen in unserem Stall berichten und habe selber noch genügend Fragen zu dem Thema.


Wir haben Ende 2020 alle Heunetze entfernt und auf lose Fütterung in Raufen und Heukisten umgestellt. OK, ein Netz haben wir noch auf der grossen Raufe, die mitten im Windkanal steht, aber das Netz hat so grosse Löcher, dass die Pferde in den Löchern und nicht durch die Maschen fressen :-)


Die Umstellung haben wir vorgenommen, da wir einen halb-zahnlosen älteren Wallach in der Gruppe haben. Und diese Umstellung diesen Winter ist erst einmal als Experiment gedacht, um zu schauen, was sich verändert.


Meine allererste Beobachtung ist, dass die Pferde viel weniger Stress mit dem Futter bzw. beim Fressen haben.

Und sie fressen generell nicht mehr als vorher. Dazu sortieren sie noch besser aus, was sie nicht so gerne mögen und sie können auch genüsslich die Samen am Boden mümmeln. Das heisst nicht, dass wir weniger Heu brauchen, sondern insgesamt eher mehr - denn Pferde können sich auch in Wühlmäuse verwandeln, das Heu spassig aus den Kisten und Raufen schmeissen, reinkacken und drin rumtrampeln. Das ist der grosse Nachteil für mich als Stallbesitzerin.


Ich beobachte weiterhin, dass die Pferde so gut wie nie mehr auf mich und das Heu warten - und das bei gleich bleibender gefressener Menge zu den Vorjahren. Wenn ich morgens in den Stall komme, dann ist die ganze Herde im Ruhemodus im Liegebereich und ich kann gemütlich die Fressplätze säubern und wieder mit Heu befüllen - ohne dass ich jemanden vertreiben muss oder gar Bereiche absperren muss. Und das war vorher mit Heunetzen anders. Da musste ich gewisse Bereiche absperren, um in Ruhe sauber zu machen und Heu aufzufüllen. Wohl gesagt, die gefressene Heumenge ist gleich geblieben.


Die Frage, die ich mir stelle: Was geht in den Köpfen der Pferde vor, wenn sie aus Heunetzen fressen?

Bedeutet das für sie, dass das Futter begrenzt ist und deswegen müssen sie davon so viel fressen, wie sie rausbekommen? Wenn das Heu lose zur Verfügung gestellt wird, ist es ja einfach da und nicht schwierig zu fressen - also können die Pferde sich Zeit lassen und gemütlich so viel fressen, wie sie möchten.


Wie ist das in der Wildbahn? Dort haben die Pferde nie Probleme zu fressen, sie finden immer etwas. Sie müssen es vielleicht auch mal suchen, aber wenn sie es gefunden haben, dann ist es nicht schwierig, es zu fressen. In der menschlichen Pferdehaltung müssen sie das Futter nicht suchen gehen - aber wenn sie fressen gehen, ist es schwierig, das Heu zu fressen. Ist das nicht komplett gegen die Natur des Pferdes? Selbst, wenn das Pferd mit Heunetzen aufgewachsen ist?


Wenn ich mir meine 5jährige Tara anschaue - die ist bei uns im Stall geboren und hat von klein auf aus Heunetzen gefressen. Sie ist es gewohnt und ich habe nie speziell bei ihr beobachtet, dass es schwierig oder stressig für sie ist. Seit die Heunetze weg sind, fällt mir aber auf, dass sie erst jetzt einen wirklich entspannten Eindruck beim Fressen macht. Ich kann die Veränderung nicht genau definieren oder beschreiben - aber vielleicht ist es so, dass wir es gewohnt sind, Pferde mit einem gewissen Stresslevel zu sehen und dass man weniger Stress mitunter erst dann bemerkt, wenn man etwas verändert.


Wie man das Dilemma mit verlängerten Fresszeiten etc. löst, das weiss ich nicht. Das ist auch hier nicht das Thema und auch nicht, ob Heunetze gut oder schlecht sind. Es ist die Frage, wie viel Stress machen Heunetze unseren Pferden?



Recht auf Freiheit und Selbstverantwortung


Wir Menschen managen oft die Grundbedürfnisse unserer Pferde bis ins kleinste Detail und entziehen ihnen so ihre Freiheit und auch das Recht auf ihre Selbstverantwortung als Lebewesen - das fängt bei der Haltung an, geht über die Fütterung bis hin zum Training. Erzeugt das nicht einen wahnsinnigen psychischen Stress? Bei Pferd und bei Mensch?


Ein Pferd ist immer dann ausgeglichen und zufrieden, wenn seine Grundbedürfnisse nach Herde, Bewegung und Futter gedeckt sind - es seine natürlichen Bedürfnisse und Instinkte ausleben kann. Das beinhaltet auch, dass sie selber "kontrollieren" können, wann sie fressen, wann sie schlafen, wann sie spielen, wann sie saufen gehen oder wann sie sich gegenseitig kraulen wollen.


Schränken wir Menschen diese Selbstkontrolle ein, in dem wir zum Beispiel den Zugang zu Raufutter einschränken, jede Bewegung kontrollieren und korrigieren oder ihm jegliche Sozialkontakte mit anderen Pferden unterbinden, dann bedeutet dies wiederum Stress und Frustration und im schlimmsten Fall verliert das Pferd an Lebensfreude.


Jedes Pferd hat es verdient, in einem Stall zu leben, in dem es ein selbstbestimmtes Leben führen kann.

Wenn Du dazu Ideen und Anmerkungen hast, dann hinterlass mir gerne einen Kommentar oder schreibe mir direkt.


Stress und Schmerz und andere gesundheitliche Schäden


Nochmal kurz zusammengefasst: Unter Stress ist der ganze Körper in Alarmbereitschaft und steht unter Spannung. Ist das nur für kurze Zeit so, dann ist es kein Problem für den Körper.


Steht der Körper aber unter Daueranspannung durch Dauerstress, dann wird aus Stress auch Schmerz.

Stehen die Muskeln durch Stress unter dauernder Anspannung, dann verkleben, verkürzen und verhärten sie sich - und das wirkt sich auf den Zustand von Sehnen, Bindegewebe und Knochenhaut aus. Es kommt zu sogenannten Mikroentzündungen, die im Blut nicht nachgewiesen werden können. Diese verursachen dann wiederum Schmerzen.


Hier beginnt ein kleiner Teufelskreis.

Denn diese Schmerzen verstärken die Anspannung der Muskeln noch mehr und dies verursacht wieder noch mehr Schmerzen.


Hat ein Pferd Schmerzen, dann bewegt es sich weniger - die Muskeln werden weniger durchblutet, erhalten durch die eingeschränkte Blutversorgung weniger Nährstoffe und werden dadurch noch empfindlicher für Schmerz. Das kann zu lang anhaltenden beziehungsweise chronischen Schmerzen im ganzen Körper führen. Mögliche physische Reaktionen sind zum Beispiel Steigen, Bocken und Ausschlagen unter dem Sattel.


Das auch die Psyche durch Schmerzen stark belastet wird, wissen wir alle. Schmerzen machen mürrisch, schlecht gelaunt, ängstlich oder aggressiv. Und das sehen wir auch bei unseren Pferden - Arbeitsunlust, Beissen oder Schlagen, Gespenster sehen oder generelle Unsicherheit.


Aber wer von uns hat schon einmal darüber nachgedacht, dass die Ursache für die Schmerzen seines Pferdes eigentlich im Stress verborgen liegt?


Kranke Pferde durch Stress - weitere Folgen


Durch die permanente Alarmbereitschaft des Körpers entstehen viele körperliche und psychische Beschwerden. Und das nicht immer sofort, sondern über lange Zeit hinweg. Hier eine Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit:


  • eingeschränkte Verdauungstätigkeit

  • Magengeschwüre und Entzündungen der Magenschleimhaut

  • Kotwasser, Durchfall oder gar Kolik

  • geschwächtes Immunsystem

  • Stoffwechselprobleme bis hin zu EMS und Pseudo-Cushing

  • Insulinresistenz verursacht durch zu lange Fresspausen

  • Wassereinlagerungen im Bindegewebe

  • Leber- und Nierenprobleme

  • Muskelverspannungen und erhöhter Muskeltonus

  • Nervosität und Überempfindlichkeit

  • Apathie und Lethargie

  • Aggressivität


Gesunde und glückliche Pferde oder Stress macht dick

Stress macht dick. Beim Menschen nachweisbar- ist das bei Pferden auch so? Wenn unser Körper unter Dauerstress steht, dann gerät unser Hormonsystem ausser Kontrolle - die Folgen davon sind Muskelabbau, Müdigkeit und Heisshunger. Wir haben keine Lust uns zu bewegen, essen unkontrolliert Süsses und Fettiges und bumms haben wir mehr Fett auf den Hüften.

Ich habe es ja anfangs erklärt, dass auch beim Pferd das Hormonsystem angekurbelt wird, sobald es Stress hat - da werden, wie beim Menschen, auch Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet und der Körper schaltet in Angst- bzw. Fluchtmodus. Also müssten diese Hormone bei Dauerstress eigentlich den gleichen Effekt aufs Pferd haben wie auf den Menschen? Und dass viele Pferde unter Dauerstress stehen und dabei oft zu dick sind, ist heute kein Geheimnis mehr.


In Bezug auf Gewichtsmanagement habe ich im Sommer 2020 mit unserer Herde etwas erlebt, was ich mir nur durch Stressreduktion erklären kann.


Und zwar haben alle unsere Pummelchen mächtig Gewicht verloren, obwohl sie viel viel mehr Gras hatten als zuvor. (Die Zahlen findest Du weiter unten.)

Das einzige und wirklich das einzige, was anders war als all die Jahre zuvor, ist, dass wir von Mai bis September die Weiden 24 Stunden offen hatten. Nicht auf kurz gefressenen Weiden, sondern auch auf meterhohem Gras. Und natürlich stand immer noch Heu zur Verfügung. Also wirklich Gras und Heu à gogo.

Es war insgesamt super stressfrei für die Pferde, ihre Besitzer und für mich.

Das ständige morgens Weide auf, Pferde mittags reinholen, nachmittags wieder Weide auf und Pferde abends wieder reinholen hatte ein Ende und auch meine Angst, die Pferde wären vielleicht zu lange auf der Weide gewesen und hätten zu viel Gras erwischt, hat sich schnell gelegt. Die Herde war super ausgeglichen und zufrieden und eben nicht kugelrund.

Also, die erstaunlichen Zahlen:

Salomé, 21 J. - von 550 kg im Mai auf 489 kg im Oktober (-61 kg)

Kalena, 12 J. - von 648 kg auf 558 kg (-90 kg)

Tara, 4 J. - von 598 kg auf 544 kg (-54 kg)

Die weiteren Erfolge der anderen Herdenmitglieder waren Gewichtsverluste von -98 kg bis -28 kg.


Was ich nicht verheimlichen möchte ist, dass zu Beginn der Weidesaison, als die Weidezeit noch eingeschränkt war, alle Pferde erstmal zugenommen haben. In der Zeit von ca. Mitte März bis Anfang Mai waren die Weiden nicht 24 Stunden offen, sondern ich habe die Weidezeit eingeteilt - zwischen 2 bis 4 Stunden am Vormittag und 2 bis 4 Stunden nachmittags - je nach Wetter und Gras-Höhe. Da wir aber so viel Gras hatten, habe ich den Versuch mit 24 Stunden Weide ab Anfang Mai gewagt und anfangs auch Blut und Wasser geschwitzt.

Dies ist ein Erfahrungsbericht. Wir werden es in 2021 wieder probieren und ich werde berichten. Mein Fazit der Weidesaison 2020 ist, dass die Gewichtsreduktion bei uns auch ohne Stress, Diät und Training funktioniert hat. Ich möchte damit nicht sagen, dass es überall genauso funktionieren muss. Wenn Du auch ähnliche Erfahrungen gemacht hast, dann schreibe mir gerne direkt oder hinterlasse Deinen Kommentar hier unter dem Blog.


Liebe Grüsse,


Nicole


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Lies zu dem Thema Stress beim Pferd auch den Blog-Artikel von Kristina. Auf das Bild klicken und weiterlesen!


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